Andere Rasse, andere Pille (DIE ZEIT)

Mediziner und Genforscher beleben die Rassendiskussion neu: Sie fordern, Medikamente je nach Hautfarbe zu verordnen. Damit wollen sie genetischen Unterschieden gerecht werden von Hubertus Breuer

Wenn Sally Satel in ihrem Arztkittel ins Behandlungszimmer stürmt, bringt sie stets ihre Rassenvorurteile mit. Verschreibt die Psychiaterin in ihrer Washingtoner Drogenklinik etwa das Antidepressivum Prozac, setzt sie bei Afroamerikanern eine niedrigere Dosis als bei weißen Junkies an. Der Grund: „Schwarze verarbeiten den Stimmungsaufheller langsamer als Weiße und Asiaten.“ Bei 40 Prozent aller Schwarzen komme es zu unerwünschten Nebenwirkungen – deshalb beginnt Satel mit einem kleinen Quantum.

Auch andere Mediziner wollen Schluss machen mit der politisch korrekten Gleichbehandlung von Weiß und Schwarz: Kürzlich berichtete das New England Journal of Medicine, dass das Herzmedikament Enalapril bei Patienten schwarzer und weißer Hautfarbe unterschiedlich anschlägt. Schwarze zeigten sich für den heilenden Wirkstoff weniger empfänglich. Zudem mussten sie wegen Herzschwäche öfter ins Krankenhaus. Das könnte auf einen unterschiedlichen Lebensstil hinweisen, meinen die Autoren vorsichtig – es könne aber auch an Arzneimittel abbauenden Enzymen und anderen Wirkstoffrezeptoren liegen, die bei beiden Gruppen verschieden sind. Weil Schwarze oft an Stickstoffmangel leiden, der den Blutdruck erhöht, vermuteten sie, wirke Enalapril wohl nicht richtig.

Solche Studien entfachen in den Vereinigten Staaten eine Debatte neu, die längst als überwunden galt. Plötzlich steht der verpönte Begriff „Rasse“ wieder auf der Agenda. Doch dieses Mal sind es nicht Soziologen oder Anthropologen, die sich über die Unterschiedlichkeit menschlicher Ethnien streiten, sondern Mediziner und Genforscher. Sie verlangen, das Charakteristikum „Rasse“ in der Medizin stärker zu berücksichtigen, um Patienten unterschiedlicher Herkunft besser gerecht zu werden.

Solche Forderungen sind brisant in einem Land, das sich stets bemüht, seine Bürger „farbenneutral“ zu betrachten. Auf Versuche, ethnische Gruppen wissenschaftlich einzuordnen, reagiert die amerikanische Öffentlichkeit allergisch. Das hat zuletzt der Skandal um das Buch The Bell Curve im Jahr 1994 gezeigt. Darin behaupten der Psychologe Richard Herrnstein und der Soziologe Charles Murray, auf der Intelligenzskala der Menschheit stünden Asiaten und Juden obenan, Schwarze dagegen am Ende – und zwar nicht nur aus soziologischen Gründen. Deren Abstieg sei auch genetisch bedingt. Am Ende erwies sich die diskriminierende Behauptung als unhaltbar.

Doch seit etwa einem Jahr wird der umstrittene Begriff „Rasse“ enttabuisiert.

Nicht nur Ärzte wie Sally Satel fordern, Rasse als probates Diagnosekriterium anzuerkennen. Im vergangenen März genehmigte selbst die amerikanische Gesundheitsbehörde erstmals in ihrer Geschichte eine klinische Studie, die sich allein auf Schwarze richtet – für den Test eines Blutdruckmittels, das die Stickstoffwerte im Blut erhöht. Bürgerrechtler gaben ihren Segen.

Adams Söhne, Evas Töchter

Rückendeckung können sich die rassebewussten Mediziner bei Genetikern holen.

Denn ihre Erkenntnisse geben der Idee, unterschiedlicher menschlicher „Familien“ durchaus Auftrieb – wenn auch anders, als sich dies mancher Rassist in seinem Schwarzweißdenken gedacht hatte.

Der Humangenetiker Luca Cavalli-Sforza machte sich bereits Anfang der neunziger Jahre daran, das Rassengemisch genetisch zu sortieren. 1993 setzte er das Human Genome Diversity Project in Gang, um einen Weltatlas der Genvielfalt zu erstellen und den Stammbaum des Menschen zu rekonstruieren.

Die Methode hatte Erfolg. Genarchäologen um Cavalli-Sforza und andere Forscher entdeckten, dass der Homo sapiens in verschiedenen Erdteilen unterschiedliche Mutationen des Erbguts entwickelt hatte, nachdem er aus Afrika ausgewandert war. Über die Welt verstreut, fanden die Forscher auf diese Weise 10 männliche und 18 weibliche Stammhalter der Menschheit, gewissermaßen Adams Söhne und Evas Töchter.

Die genetischen Unterschiede zwischen diesen Ureltern der verschiedenen Ethnien sind allerdings minimal. 99,9 Prozent ihrer Gene teilen alle Menschen miteinander, egal, ob sie aus Asien, Afrika oder Europa stammen. Nur das restliche Zehntelprozent der Erbinformation ist variabel. „Die Differenzen zwischen Rassen“, sagt Cavalli-Sforza, „sind oberflächlicher Natur. Sie repräsentieren Anpassungen an die jeweiligen klimatischen Bedingungen.“ Die dunkle Haut der Schwarzen etwa ist auf das Pigment Melanin zurückzuführen, das vor starker Sonnenstrahlung schützt.

Andere allerdings interpretieren Cavalli-Sforzas Befund genau umgekehrt: Jenes Zehntelprozent sei von größter Bedeutung, betonen sie. Denn vom Schimpansen unterscheiden den Menschen auch nur 1,3 Prozent Erbsubstanz – dennoch gehören beide völlig anderen Gattungen an. Ein Zehntelprozent unseres Erbguts, das immerhin drei Millionen Genbuchstaben entspricht, mag da markante Unterschiede zwischen ethnischen Gruppen verkörpern. Auch die Psychiaterin Sally Satel warnt davor, diese Differenz zu ignorieren. „Es geht um mehr als um Hautpigmente. Hinter solchen Merkmalen verbirgt sich die genetische Evolutionsgeschichte“ – und just darauf beziehe sich der Begriff Rasse.

Satel behauptet damit allerdings keineswegs, es gebe einen tiefen Graben, der Weiße von Schwarzen trenne. Im Lotteriespiel der Genverteilung kann ein Asiate gelegentlich einem Europäer durchaus näher stehen als seinem einheimischen Nachbarn. Der Psychiaterin und ihren Mitstreitern geht es vielmehr um das durchschnittliche Genprofil der Rassen. Aus statistischer Sicht verteilen sich die Erbinformationen auf eine Weise, die australische Ureinwohner deutlich von Isländern unterscheidet. Und nur das sei für die Medizin ausschlaggebend.

Ähnliche Überlegungen werden auch in Großbritannien angestellt. Dort hat der staatliche Forensic Science Service (FSS) bereits ein DNS-Profil für die fünf größten Bevölkerungsgruppen auf den britischen Inseln angelegt – komponiert aus genetischen Markern. Die Behörde geht damit der Polizei zur Hand. Aus dem Speichel an einer Zigarettenkippe kann der forensische Dienst zum Beispiel mit hoher Wahrscheinlichkeit ermitteln, ob sich hinter dem Raucher ein Mann indischer Abstammung verbirgt. Andrew Urquhart, Chefgenetiker der Behörde, warnt allerdings davor, die genetischen Phantombilder als biologisches Fundament der Rasse misszuverstehen. Denn die ausgewählten Merkmale des Erbguts gehören zur so genannten Junk-DNA, zum Genmüll gewissermaßen. „Sie haben keinen Einfluss darauf, wie eine Person aussieht oder ihr Stoffwechsel funktioniert“, sagt Urquhart.

Der Großteil des menschlichen Erbguts besteht aus solchen scheinbar nutzlosen Buchstaben. Nur magere fünf Prozent der Bausteine kontrollieren, wie ein Mensch aussieht und wie seine Körpermaschine läuft – also das, was man den Phänotyp nennt. Doch auch in diesen relevanten, den kodierenden Genen wurde in den vergangenen Jahren nach Entlarvendem gefahndet. Bereits 1995 hat das englische FSS-Team ein Gen für rotes Haar entdeckt. Und die US-amerikanische Bio-Tech-Firma DNAPrint Genomics kann heute mithilfe einer Genprobe die Augenfarbe recht gut ermitteln. Zu mehr als ein paar Mosaiksteinen im Gruppenporträt, das wir uns intuitiv von Ethnien machen, reicht es bislang jedoch nicht.

Den Ärzten geht es weniger um das Aussehen. Sie interessieren Gene, die medizinisch relevant sind. Und auch da zeigen sich Unterschiede zwischen ethnischen Gruppen. Hämochromatose, eine erbliche Eisenspeicherkrankheit, ist bei Chinesen und Indern nahezu unbekannt, taucht aber bei 7,5 Prozent aller Schweden auf. Die tödliche Tay-Sachs-Krankheit ist vor allem bei in Europa und Nordamerika lebenden Juden verbreitet. Schwarze wiederum sind anfälliger für Sichelzellenanämie. Diese Erbkrankheit breitete sich im südlichen Afrika aus, weil das dafür verantwortliche defekte Gen Schutz vor der Malaria bot.

20 bis 40 Prozent Afrikaner leben mit dem Gendefekt.

„Lassen wir solche Unterschiede bewusst unter den Tisch fallen“, erklärt der Genetiker Neil Risch von der Stanford University im Fachjournal Genome Biology, „erweisen wir Minoritäten letztlich einen Bärendienst.“ Risch sieht die ethnischen Besonderheiten als Bündel kleiner genetischer Mutationen, die sich in geografischer Isolation über Jahrtausende hinweg vererbten. Nachdem er in den vergangenen Jahren eine Reihe genetischer Marker untersuchte, schlägt Risch jetzt vor, den Homo sapiens in fünf große kontinentale Gruppen von Gentypen aufzuteilen: Kaukasier, zu denen er Europäer, Inder und den Nahen Osten zählt

Menschen aus Subsahara-Afrika

die Bewohner der pazifischen Inseln

Asiaten und die Ureinwohner Amerikas – eine Kategorisierung, die unser an bloßen Äußerlichkeiten orientiertes Rassenverständnis durchaus bestätigt.

Risch gibt an, dass 100 willkürlich selektierte beziehunsgweise 30 gezielt ausgewählte Stellen der Erbgutsequenz ausreichten, die geografische Herkunft der meisten Personen zu ermitteln. Diese Einteilung macht aber nur Aussagen über den Gentyp

wie sich der Bausatz tatsächlich auf das einzelne Individuum, also den Phänotyp, auswirkt, bleibt unbeachtet – und damit werden genetische Mutationen, die womöglich eine Rolle für die Verträglichkeit von Arzneien spielen, ignoriert.

Hautfarbe ist nicht alles

Dass die Arzneimittelverträglichkeit wenig mit dem Aussehen, wohl aber mit der Region verknüpft ist, entdeckte kürzlich der Populationsgenetiker David Goldstein vom University College in London. An Probanden aus verschiedenen Ländern fand er heraus, dass Genbereiche, die unsere Reaktion auf Präparate regeln, meist in vier geografischen Gruppen gebündelt auftreten. Diese sind: das westliche Eurasien, Subsahara-Afrika, China und Neuguinea. Das widerspricht nicht nur Rischs Kategorisierung, sondern ist auch für den bloßen Augenschein irritierend: Denn nach Goldsteins Modell gehörten die Äthiopier als Nordafrikaner mit zu den Eurasiern – in einen Topf mit Norwegern, Briten und Armeniern.

So bekommen letztlich wohl beide der sich zankenden Parteien ein wenig Recht.

Befürworter des Rassebegriffs werden auch in Zukunft darauf pochen, dass manche DNS-Schnipsel in geografischen Bevölkerungsgruppen besonders oft vorkommen. Und die Gegner dürfen zu Recht darauf verweisen, dass sich von Häufigkeitsverteilungen nie auf den Einzelnen schließen lässt.

Für die medizinische Behandlung bedeutet dies: Das simple Modell von Sally Satel, die Medikamentenvergabe schlicht nach der Hautfarbe zu regulieren, taugt langfristig kaum. Wichtiger wären individuelle Gentests, die schnell und billig das Erbgut der jeweiligen Patienten kartieren. Solche Tests werden immer wieder von der Gen-Tech-Industrie versprochen: Zuletzt kündigte der Genomentzifferer Craig Venter bei der Eröffnung eines neuen Sequenzierzentrums an, er wolle dafür sorgen, dass ein solcher individueller Gencheck künftig für nur 1000 Dollar zur Verfügung stehe. Heute kostet er noch Millionen. Auf der Basis solcher Analysen könnten Ärzte dann zum individuellen Genprofil passende Medikamente verschreiben.

Doch ob es in der Praxis wirklich so weit kommen wird, ist fraglich. Derzeit jedenfalls haben die Pharmafirmen nur ein äußerst geringes Interesse daran, Millionen in die Entwicklung von Medikamenten zu stecken, die am Ende nur einigen wenigen Menschen zugute kommen. Medikamentenhersteller bieten heute oft nicht einmal verschiedene Arzneien für Erwachsene und Kinder an, weil sie die Kosten für die aufwändigen Testreihen scheuen. Der Traum vom individuellen Medikament wird sich, wenn überhaupt, nur für die Reichen erfüllen – gleich, welcher Rasse sie angehören.

Quelle: http://www.zeit.de/2002/39/Andere_Rasse_andere_Pille

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